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Was wir am meisten wollen, hatten wir bereits

Eine Szene aus The Odyssey

Ich habe vor Kurzem Christopher Nolans The Odyssey gesehen. Neben den gewaltigen Bildern ist mir besonders eine Szene geblieben.

Odysseus wird gefragt, wie der Gesang der Sirenen klang. Seine Antwort lautet:

“What you most want is what you most can’t have. And what you most can’t have is what you already had and lost.”

Was du am meisten willst, ist das, was du nicht haben kannst. Und was du nicht haben kannst, ist das, was du bereits hattest und verloren hast.

Odysseus vergleicht diesen Gesang mit einem Jucken unter der Haut. Man möchte sich kratzen, kommt aber nicht an die Stelle heran, an der das Jucken tatsächlich sitzt.

Dieser Gedanke hat mich fasziniert. Denn vielleicht beschreibt er nicht nur die Sirenen. Vielleicht beschreibt er den Menschen.

Wir kratzen an der falschen Stelle

Wir streben nach Glück, Reichtum, Ruhm, Ehre und Anerkennung. Diese Dinge sind nicht grundsätzlich falsch. Doch wir erwarten von ihnen mehr, als sie leisten können.

Reichtum soll uns Sicherheit geben.
Ruhm soll beweisen, dass wir von Bedeutung sind.
Anerkennung soll unseren Wert bestätigen.
Erfolg soll uns zeigen, dass unser Leben nicht vergeblich ist.

Wir versuchen damit, etwas in uns zu beruhigen. Doch selbst wenn wir erreichen, was wir wollten, kehrt die Unruhe zurück.

Also wollen wir mehr. Mehr Erfolg, mehr Geld, mehr Einfluss, mehr Bestätigung.

Vielleicht besteht das Problem aber nicht darin, dass wir noch nicht genug erreicht haben. Vielleicht kratzen wir nur an der falschen Stelle.

Denn ein äußerer Gewinn kann keinen Widerspruch in unserem Wesen auflösen.

Nach welchem Wesen wurde der Mensch geschaffen?

Die Bibel beschreibt den Menschen nicht als bedeutungsloses Wesen, das sich seinen Wert erst erschaffen muss.

In 1. Mose 1,27 heißt es:

„Gott schuf den Menschen als sein Bild. Als Gottes Ebenbild schuf er ihn.“

Der Mensch ist nach Gottes Ebenbild geschaffen.

Das bedeutet nicht, dass Gott äußerlich wie ein Mensch aussieht. Es beschreibt vielmehr, worin das Wesen und die Bestimmung des Menschen liegen.

Der Mensch wurde geschaffen, um etwas von Gott widerzuspiegeln:

seine Wahrheit,
seine Liebe,
seine Freiheit,
seine Verantwortung,
sein schöpferisches und lebensförderndes Handeln.

Der Mensch sollte nicht nur existieren. Er sollte in Übereinstimmung mit dem leben, nach dessen Bild er geschaffen wurde.

Sein Wesen hatte eine Ausrichtung.

Haben wir unser Wesen verloren?

Doch haben wir unser Wesen tatsächlich verloren?

Nicht vollständig.

Der Mensch ist weiterhin Gottes Ebenbild. Sonst hätte er auch seine von Gott gegebene Würde verloren.

Verloren gegangen ist vielmehr die Übereinstimmung zwischen unserem Wesen und unserem Leben.

Wir wollen Wahrheit und täuschen.
Wir wollen Liebe und benutzen Menschen.
Wir wollen Freiheit und werden von unseren eigenen Bedürfnissen beherrscht.
Wir wollen Leben hervorbringen und erzeugen dennoch Zerstörung.

Der Mensch trägt noch immer seine ursprüngliche Bestimmung in sich. Gleichzeitig lebt er im Widerspruch zu ihr.

Vielleicht ist genau das das Jucken unter der Haut.

Nicht einfach der Wunsch nach einem angenehmeren Leben. Sondern die Spannung zwischen dem Wesen, zu dem wir geschaffen wurden, und der Art, wie wir tatsächlich leben.

Die verlorene Gottseligkeit

Die Bibel verwendet für ein auf Gott ausgerichtetes Leben ein Wort, das heute beinahe fremd klingt: Gottseligkeit.

Das griechische Wort eusebeia beschreibt eine Haltung und Lebensführung, die auf Gott ausgerichtet ist.

Gottseligkeit bedeutet deshalb nicht, möglichst religiös zu wirken. Es geht nicht um fromme Selbstdarstellung, moralische Überlegenheit oder das bloße Befolgen von Regeln.

Gottseligkeit bedeutet, in einer Ordnung zu leben, die dem Wesen Gottes entspricht.

Und damit zugleich dem Wesen, zu dem der Mensch geschaffen wurde.

Gottseligkeit ist die Übereinstimmung zwischen Ursprung, Wesen und Lebensführung.

Das richtige Verlangen in der falschen Sprache

Unsere Sehnsüchte sind deshalb nicht unbedingt falsch. Vielleicht übersetzen wir sie nur falsch.

Wir sehnen uns nach Sicherheit und übersetzen diese Sehnsucht mit Geld.
Wir sehnen uns danach, gesehen zu werden, und übersetzen sie mit Ruhm.
Wir sehnen uns nach Wert und übersetzen ihn mit Ehre und Anerkennung.
Wir sehnen uns nach innerer Ganzheit und nennen sie Glück.

Die Dinge, nach denen wir greifen, sind nicht grundsätzlich schlecht. Aber sie können das Gewicht nicht tragen, das wir ihnen aufladen.

Geld kann Sicherheit schaffen, aber keine letzte Geborgenheit. Anerkennung kann uns bestätigen, aber nicht unser Wesen wiederherstellen. Erfolg kann zeigen, was wir leisten können, aber nicht beantworten, wer wir unserem Wesen nach sind.

Wir erwarten von geschaffenen Dingen, dass sie die Arbeit des Schöpfers übernehmen.

Keine Selbstoptimierung

Das Christentum bietet deshalb nicht einfach eine weitere Methode zur Selbstoptimierung an.

Es geht nicht darum, das vorhandene Leben ein wenig religiöser, erfolgreicher oder moralisch sauberer zu gestalten.

Es geht um Erneuerung.

Paulus schreibt in Kolosser 3,10 vom neuen Menschen, der erneuert wird nach dem Bild seines Schöpfers.

Das Ziel ist also nicht, etwas völlig Fremdes zu werden. Das Ziel ist, wieder in Übereinstimmung mit dem Bild zu kommen, nach dem wir geschaffen wurden.

Nicht die Flucht aus unserem Menschsein, sondern seine Wiederherstellung.

Was ist dann ein gutes Leben?

Ein gutes Leben wäre nicht primär ein Leben des persönlichen Gewinns.

Es wäre ein Leben, das Gottes Ordnung fördert und innerhalb dieser Ordnung Leben hervorbringt.

Nicht nur biologisches Leben, sondern alles, was lebendig macht: Wahrheit, Freiheit, Liebe, Verantwortung, Versöhnung und echte Beziehung.

Reichtum wäre dann kein Beweis unseres Wertes, sondern ein Werkzeug. Erfolg wäre kein Identitätsnachweis, sondern Verantwortung. Anerkennung dürfte uns freuen, würde aber nicht mehr darüber entscheiden, wer wir sind.

Die äußeren Dinge verschwinden nicht. Sie bekommen nur ihren richtigen Platz.

Schlussgedanke

Wir jagen nach Glück, Reichtum, Ruhm und Ehre, als könnten sie ein Jucken stillen, das unter unserer Haut liegt.

Doch was uns tatsächlich fehlt, lässt sich nicht erwerben.

Denn wir suchen nicht nur nach etwas, das wir noch nie hatten.

Wir suchen nach dem, was wir verloren haben:

die Gottseligkeit,
die Übereinstimmung mit dem Wesen, zu dem wir geschaffen wurden.

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